Ich sitze auf Arbeit und schaue auf die Seiten. Im Internet schwimmend, surfend wie ein Pro Glider. Wie ein Silit Bang Pro Shave Master. Ich sitze da und mache nichts, nur meine rechte Hand. Sie klickt und klickt, scrollt und rollt. Die Wahrnehmung ist eingeschränkt, Tunnelblick in die Röhre. Auf den Flatscreen, wie er leise surrt und unermüdlich bewegte Bilder zeigt. Aller 2 Millisekunden aktualisiert sich das Bild, doch ganz so wild, so wild ist es dann doch nicht. Das Internet. Nun vor mir eine Tabellenkalkulation – online, versteht sich. Die Tabelle versteht sich weniger von selbst, nicht ohne Grund kriegt man Geld dafür, mit Ihr zu arbeiten. Wie auch mit dem Internet.
Hach. Das alte, leidige Thema. So wird es unseren Vorfahren auch gegangen sein, damals als die Eisenbahn Geschwindigkeiten ermöglichte, die fernab der Vorstellungskraft der damaligen Gedanken war. Und dennoch war sie plötzlich real. Und beängstigte die Menschen. So sehr, dass es Forscher gab, die meinten, den Beweis dafür gefunden zu haben, dass die schnelle Geschwindigkeit schlecht für die Gesundheit des Menschen sei. Schlecht deswegen, weil der Mensch nicht dafür gemacht sei, sich mit dieser Rasanz fortzubewegen. Man sei keine Raubkatze. – Die Bahn erreichte damals nur selten – und wenn nur marginal – mehr als 25 Kilometer pro Stunde. Rasant? Absonderlich aus heutiger Sicht. Ich stelle mir vor, im Auto zu sitzen. Auf dem Weg zu einem Treffen, einem Meeting, unterwegs. Und ich fahre 25 km/h. Nicht beängstigend. Das einzig rasante daran scheint mir das Hupen des Hintermanns. Heute sind wir definitiv schneller.
Und das nicht nur in der Fortbewegung, sondern auch digital. Im Internet, genauso wie in den Banken, den Geschäften, überall. Überall? Sind wir so schnell auch im Kopf? Halten wir der Geschwindigkeit stand? Es scheint so. In ein paar Jahren ist es wahrscheinlich lachhaft, werden Sie sagen. Werden sich wundern, warum wir Respekt vor den Veränderungen hatten. Insofern wir sie denn hatten, als wir die Anfänge miterlebt haben. Als man noch staunen konnte, dass das Internet plötzlich nicht mehr mit piependem Einwählen verbunden war. Als man staunte, über das erste Touchpad, die erste Oberfläche, die sich mit den Fingern bedienen ließ. Und in meinem Kopf schallt ein leises „Wow“ von damals nach. Ich denke zurück und sehe mich, erforschend, mit großen Augen. Größer als sie gewesen sind, weil es sonst keine Möglichkeit gibt, das warme Gefühl der ersten Entdeckung zu visualisieren.
Auch wenn der Vergleich ein alter Schuh ist; man kann es mit guten Büchern vergleichen. Wenn man sie das erste Mal liest, fühlt man sich tief hinein, bemüht seine Vorstellungskraft, baut sich die Welt auf, die dort beschrieben wird, in seinem Kopf. Baut sie auf, reißt sie ein, verändert sie, baut Schauplätze und Figuren dazu. Alles in Gedanken. Aber nur das erste Mal. Liest man das Buch ein zweites oder drittes Mal, sind die Räume schon da. Die Personen sind ausgezeichnet, haben ihr Aussehen und die Persönlichkeit von Beginn an. Man denkt an Oliver Twist und weiß um seine Geschichte. Weiß, dass er Waise ist. Genau wie Harry, von dem wir wissen, wie er überlebt. Von dem man durch das bewegte Bild nun auch weiß, wie er auszusehen hat. Fluch sowohl für den Leser als auch für den Schauspieler. Die Verbindung wird nie ganz verschwinden. Kaum noch wird es vorkommen, dass jemand die epische Geschichte um drei junge Zauberer liest und sich dabei ein eigenes Bild von den Helden macht. Wie war das damals? Wie hab ich mir den Jungen mit der Narbe damals vorgestellt? Wie sah er aus? Ich weiß es nicht mehr. Schade, aber verkraftbar. Nicht schlimm, nur einschränkend – die Fantasie, nicht das Lesevergnügen. So ist es auch mit den technischen Gadgets. Ein schönes Gefühl muss es gewesen sein, damals die erste eMail erhalten zu haben. Das war besonders, heute ist es Alltag. Nicht weniger praktisch, doch selbstverständlich. Selbstverständlich wie so vieles, was uns täglich begleitet und wir oft nicht zu schätzen wissen. Oder die Zeit es nicht erlaubt. Oder es schlichtweg keinen Mehrwert bringt, etwas zu schätzen. Zumindest nicht offensichtlich. Zumindest nicht, wenn keine Gefahr besteht, es durch falsches Handeln zu verlieren.
Ich sitze da und denke nach. Um mich herum munteres Treiben. Telefone klingeln, Mäuse klicken, Tastaturen klackern. Ein bisschen klingt es wie damals, als das Internet noch akustisch schien. Als man nur entweder Telefonieren oder Surfen konnte. Ich schmunzele, wenn ich daran zurückdenke, wie man einst Minuten wartete, bis ein Bild geladen war.
Ich schaue mich um und lächele. Diese Erinnerungen sind schön, sind erfüllen mich mit Entdeckergeist und halten mich doch nicht an die Vergangenheit geklammert. Sie zaubern mir ein optimistisches Lächeln ins Gesicht und erfreuen meine Seele mit Zuversicht und Freude. Freude auf Neues und Zuversicht, dass viele neue Erfindungen und Entwicklungen die Welt bereichern werden. Und wir können dazu beitragen, eine bessere Welt zu schaffen. Wir allein sind es, in deren Händen unsere Zukunft liegt. Die Chance sollten wir ergreifen. Sollten rausgehen, uns verbinden, uns austauschen. Raus gehen und dann wieder nach drinnen, um die Ideen umzusetzen, die so zahllos durch die Gedanken von uns allen schwirren. „Man müsste..“ sollte ersetzt werden durch „wann hab ich dafür Zeit?“ Und die Zeit sollte man sich nehmen. Man sollte sich Zeit für sich nehmen, wann immer es einem gut tut. Wir müssen aufhören, Sklaven unserer eigenen Selbst zu werden und die immer schwelende Schwerfälligkeit abstreifen. Warum schlecht drauf sein? Warum so schwerfällig und grimmig? Dort draußen gibt es so viele Dinge zu entdecken, in uns noch mehr. Vor allem Potential. Potential und eine Kraft, die uns keiner nimmt, denn wenn die Gedanken frei sind, dann gilt das auch für unsere Ideen. Sie sollten uns voranbringen, sie sollten uns ein Lächeln und vor allem Glück ins Leben zaubern.
Und so sage ich: Entfesselt euch von den Dingen, die euch nach unten ziehen. Egal was es ist: Ihr habt die Kraft, dagegen anzugehen. Umgebt euch mit Personen, die euch stärken, euch Kraft geben und ein unkompliziertes Miteinander ermöglichen. Es gibt so viel Ballast, den wir täglich auf unseren Rücken tragen. Entledigt euch davon. Rennt voran, rennt, denkt und schafft, wonach es euch beliebt. Das Leben ist zu kurz, um tagelang sinnfrei vor dem Bildschirm zu vegetieren. Schaltet ihn aus, schaltet euren Kopf an. Und das Leben. Das Leben, wie es sein sollte ist so nah. Man muss es nur greifen. Worauf wartet Ihr noch?
Zurück aus dem Sog der Gedanken, werde ich mir lächelnd bewusst, dass ich mich eine Rede haltend phantasierte. Nicht ausgefeilt; spontan, aber energisch und ehrlich. Kraftvoll und voller Mut, der sich nun auch immer weiter in mir breit macht. Ich weiß nicht wieso und erst recht nicht wozu, aber ich bin bereit. Mit neuem Schwung kehre ich an die Arbeit zurück. Und das einzige, was mich in den nächsten Stunden ablenken soll, ist die kleine Frage, ob ich die Rede für andere oder nicht doch eher für mich gehalten habe.

